Die erste Etappe

von Algeth E. Weerts

Am morgen des Pfingstmontag ist es frisch; das heißt: der Himmel ist bedeckt, es ist windig. Ich habe aber inzwischen gelernt, dass dies das bessere Wanderwetter ist. Ich finde es auf jeden Fall trotzdem warm genug für die kurze Wanderhose. Und natürlich bin ich ein bisschen aufgregt.

Der Weg ist nur einen Tag lang, abends werde ich wieder Zuhause sein und ich gehe den Weg zusammen mit Freundin Gise. Mit ihr habe ich mich im Hauptbahnhof in Bremen verabredet, denn wir kommen aus verschiedenen Richtungen. Barrien ist Zielstation der heutigen Pilgerwanderung, da gibt es auch einen Bahnhof. Ich fahre von Syke aus mit dem Zug, und ich werde später die eine Station von Barrien dahin wieder zurück fahren.

Für alle weiteren Etappen meines Pilgerwegs Bremen – Köln werde ich öffentliche Verkehrsmittel nutzen, heute fahre ich das einzige Mal mit dem Auto zum Bahnhof in Syke. Um halb zehn Uhr bin ich in Bremen. Und ich habe soetwas wie ein Glücksgefühl: jetzt geht es wirklich los. Alles was im Kopf und gedacht war, was geplant und wieder verworfen war, ist jetzt egal. Eine ganz besondere Beschwingtheit erfasst mich.

Bremen Bahnhofsvorplatz, noch sind die Jacken an.
Foto: siehe unten

Die Tour soll – natürlich – dokumentiert werden. Gleich vorm Bremer Bahnhof gibt es das erste Foto. Zwei Frauen, die gerade von einer Kreuzfahrt aus Nordnorwegen kommen, machen die Aufnahme für uns.

In Bremen kenne ich mich immer noch aus, schließlich habe ich dort fast 30 Jahre gewohnt. Der Einstieg der heutigen Strecke führt am Werdesee entlang und das war auch Teil vieler Spaziergänge oder Fahrradwege, die ich damals gemacht habe. Bekanntes Terrain also.

am Werdersee (Foto: Gise Schöller)

Neu ist der Blick auf die kleine Muschel, das Zeichen für den Pilgerweg. Es ist ein richtiger kleiner Jubel, als wir die ersten Zeichen sehen. Und schon ganz bald habe ich das Gefühl, damit wie an einem Faden gezogen zu zu sein. Solche Zeichen begleiten die Pilgerwege in Europa, die in Santiago de Compostela enden. Und es ist wie ein Faden, der mit diesem weit entfernten Ziel verbindet. Es gibt mir das Gefühl, behütet zu sein. Und es wird mich von jetzt an auf meinen Pilgerwanderungen begleiten!

Die stilisierte Jakobsmuschel – da geht’s weiter….
(Foto: Algeth Weerts)

Für diese erste Etappe kann ich fast eine Huldigung an das Wetters aussprechen. Der doch etwas graue Himmel vom Morgen weicht mit einem frischen Wind blauem Himmel mit Sonne und Wolken. Ideales Wetter.

Ich habe gelernt aus der Wanderung in Ostfriesland. Ich habe Blasenpflaster mitgenommen und Sonnencreme. Natürlich etwas zu Essen für die Pausen, und den Pilgerführer.

Auf der Tour ist zu merken, derPilgerführer ist an einigen Stellen nicht stimmig. Heißt: was wir gehen ist anders, als es beschrieben ist. Und sei es nur einen langfristige Baustelle (siehe unten). Ich mache mir dazu Anmerkungen in mein Exemplar Pilgerführer. Der Verlag hat auf seiner internet Seite eine Update Funktion für jeden seiner Wanderführer. So werde ich demnächst einen regen E-mail Kontakt mit dem Verlag beginnen. Meine Informationen werden von dort zeitnah eingepflegt und sind dann im Update zu finden.

Da geht es jetzt aber nicht weiter….., der Pilgerführer weiß nicht alles!
(Foto: Gise Schöller)

Der Pilgerweg führt über Dreye bei Bremen und über Weyhe weiter nach Barrien. In Dreye sind wir um die Mittagszeit und laufen die Strecke bis Barrien windgeschützt und mit wenig Schatten. Und hier auch noch ein Stück an der Hauptstraße entlang. Wenig Schatten und Hauptstraße sind Kriterien, die einen Weg anstrengend machen. Denn es ist inzwischen auch ganz schön warm geworden. Zum Glück geht es Richtung Weyhe dann bald wieder nach rechts ab in die Landschaft.

Gleich zum Ortsbeginn Weyhe entdecke ich ein Stempelkästchen an der Straße! Was das ist?

Zu einem Pilgerweg gehört ein Pilgerpass. Im Pilgerpass sind die Stempel der Herbergen, in denen ich übernachtet habe oder der Kirchen und Gemeinden, durch die mein Weg führt. Die zeigen, wo ich gepilgert bin. Für Santiago ein wichtiges Dokument. Häufig gibt es diese Stempel sehr offiziell, manchmal gibt es in Kirchen – oder wie hier am Wegrand – ein Kästchen mit einem Pilgerstempeln zum Selberstempeln. Aber, wie ich finde, ist so eine Dokumentation auch für mich selber. Noch habe ich keinen Pilgerpass. Darum kommt mein erster Stempel in den Pilgerführer! Und ich muss sagen, ich bin richtig ein bisschen stolz!

Stempelstelle in Kirchweyhe. Mein erster Stempel überhaupt!
(Foto: Gise Schöller)

In Weyhe wohnt mein Bruder, nur wenig von der Strecke des Pilgerweges entfernt. Das gibt die Gelegenheit, eine Pause mit Tee und Kuchen zu machen. Die mittägliche Wärme ist Hitze geworden und der schattige Garten ist eine willkommene Rast. Freundin Gise und ich tun das, was Wandernde eigentlich nicht tun sollen: die Wanderstiefel ausziehen! Aber unser Pausenaufenthalt wird lang genug sein, dass die heißen Füße an der Luft wieder ganz normal werden.

Das bedeutet aber auch, dass wir erst am späten Nachmittag wieder loskommen. Die Pause hatte gut getan und vage Überlegungen, wir könnten ja schon in Weyhe die Tour beenden, sind verflogen. Bis Barrien sind es noch etwa acht Kilometer.

Es ist recht schwül geworden und der Himmel ist nicht mehr so blau. Es sieht ein bißchen nach Gewitter aus. Aber die Stecke des Pilgerwegs ist hier sehr schön. Kurz vor der Ortschaft Barrien bekommen wir einen wunderschönen Regenguss ab. Ja, der ist wirklich schön und angenehm!

kurz vorm Ziel, knapp nach einem erfrischenden Regenguss
(Foto: Algeth Weerts)

Vom Zielpunkt in Barrien bis zum dortigen Bahnhof ist noch ein ganzes Stück zu gehen. Gise erreicht ihren Zug fast genau pünktlich, ich muß noch eine dreiviertel Stunde warten. Barrien ist ein kleiner Vorortbahnhof, nahe am Bahnsteig sind Gärten, es wird gegrillt – Abendbrotzeit. Auf der Informationstafel am Bahnsteig läuft der Hinweis, dass in ganz Deutschland schwere Unwetter sind und man sich erkundigen solle, ob der gewünschte Fernzug auch fährt. Den Regionalzug kümmert das wenig. Mir wird beim Warten ein wenig kalt und ich bin froh, als der endlich Zug kommt.

Vorortbahnhof. Gärten gleich nebendran und Gewitterhimmel im Hintergrund
(Foto: Algeth Weerts)

Ich bin ziemlich hundemüde. Und ich bin über alle Maßen glücklich, das mein Knie milde gestimmt blieb. Denn insgesamt sind aus den angegebenen 23 Kilometern 28 geworden. Wieder was gelernt: es werden immer mehr Kilometer, als im Pilgerführer angegeben sind.