Vernichtungsschläge

von A. Weerts

Ich bin beim konkreten Erspüren von Wanderbedingungen. Sozusagen die mentale Einstimmung auf eine Wanderschaft. Ende Februar gibt es warme, sonnige Tage. Und für mich wird jeder langen ‚Spaziergang‘ ein Versuchsfeld. Jeden Weg nutze nutze ich zum Überlegen, zum Verinnerlichen, welche Dinge auf einem längeren Weg wichtig sind.

Zum Beispiel, dass es mir ab 18 schon zu warm wird beim Gehen. Das gibt die Frage: lieber Himmel, wie soll das sein in Portugal? Ich habe erfahren, wie warm es dort auch im späten Herbst noch ist.

26. Oktober , Algarve Foto: A. Weerts

Bei Wärme transpiriert der Körper. Ist dazu ein wenig Wind, ver-kühlt sich Unbedecktes. Ein Halstuch hilft dem Nacken, dass die darauf folgende Kälte nicht in die „Windpunkte“ zieht.

Das habe ich im Qigong gelernt, dass am Hinterkopf, da wo der Schädelknochen ansetzt, sich die Windpunkte befinden – und die sollten gut geschützt sein (sonst zieht die Kälte in den Körper).

Beim Erzählen über meine neue Liebe zur Pilgerschaft ergeben sich immer wieder die Auseinandersetzung mit dem Thema. Beschäftigt sich ein Mensch erst einmal mit einer Thematik, drängt sie sich sogleich immer und überall auf.

Ich bin erstaunt und vielleicht auch ein wenig erschrocken, wer so alles pilgert. Nicht welche Menschen pilgern, sondern wie viele Menschen!

Foto: https://www.arte.tv/de/videos/090654-000-A/die-groesste-pilgerreise-der-welt/

Auch die Unterschiede der Pilgernden in der Strategie ihres Tuns lässt mich nach-denken. Die Wichtigkeit von Hinweisen derer, die bereits Erfahrung haben, schwanken in meiner Bewertung zwischen „ach-du-lieber-Himmel“ bis „gute Idee. Merken!“. Alle wissen irgendwas – auch die Nichtpilgernden.

So wird die nächste Frage spruchreif: Mit wem will ich gehen? Und wo?

Portugal war ja schon entschieden, aber wo genau?

Camino Portugués map. Foto: https://de.123rf.com/photo_61760006_das-alte-pilgerweg-von süden-von-portugal-bis-santiago-de-Compostela-.html

Vernichtung im Doppelpack

Im März erscheint dann auf der Bildfläche (oder sollte es besser heißen auf der Leinwand ?) „Portugal – der Wanderfilm“*. Zwei, die Filme mit schönen Bildern machen, zum Beispiel über die Ostsee oder die Nordsee von oben, jetzt also mit einem Film sozusagen über Portugal von der Seite. Ein Wanderfilm über den Küstenweg in Portugal. Sie pilgern nicht, sie wandern und dokumentieren dies hautnah.

Ich denke, der Film soll oder könnte eine Anregung sein. Doch es wird ein erster vernichtender Schlag gegen all meine Pläne. Wird der Film im Kino angesetzt für ein oder zwei Vorstellungen, müssen wegen der großen Nachfrage mehr Vorstellungen den Ansturm bewältigen, oder es muss ein zweiten Kinosaal geöffnet werden. Immer bis auf den letzten Platz besetzt, voll bis überfüllt.

Ich werde mir den Film trotzdem anschauen, habe ich beschlossen. Am 27. März 2019.

Gesehen. Und sofort befürchte ich: wer den Film gesehen hat, wird erst in Tränen ausbrechen – denn natürlich zeigt der wunderschöne Bilder – und sich dann sofort auf den Weg machen, den Küstenweg ab Sagres zu gehen, weil die Sehnsucht, es zu tun, so groß wird.

Nach der Vorstellung frage ich einige Zuschauer*innen „Na, und wann soll es losgehen?“ – „Ja, das kennen wir ja alles. Wir fahren da dann gerne mit dem Auto hin“. Solche und ähnlich lapidare Antworten bekomme ich.

Foto: https://urlaubaer.ferienwohnungen.de/reiseziele/daenemark/autostrand-in-daenemark/

Kann mich das beruhigen? Nein! Meine Psyche ist eine Achterbahn hinsichtlich des passenden Pilgerweges in Portugal. Ich will nicht auf einem Pilger-Highway unterwegs sein!

Aber der Vernichtungsschläge nicht genug.

Am folgenden Tag spaziere ich mit meiner Kamera an einem Strand entlang.

Das Drama nimmt seinen Anfang. Für solche Dinge gibt es keinen Grund, es passiert einfach. Ich stolpere und falle auf mein rechtes Knie. Ein Stück Zaun (der hier zur Befestigung des Sandes lag) trifft ungehindert auf die Kniespitze. Aua!

Die Kamera knallt ebenfalls auf den Boden und löst ein Foto selber aus.

Foto: selbstausgelöst, Sony Alpha 58

Der Objektivring bekommt eine Delle – sonst bleibt bei der Kamera alles heil. Glück im Unglück jedenfalls auf dem Gebiet.

Weil ich mich auf einem Seminar befinde, halte ich durch. Und fahre erst am Freitagabend zur Ambulanz des Krankenhauses. Ja, geht noch, das Fahren. Laufen und stehen schmerzt ungeheuer.

Ich werde im Krankenhaus Notfall untersucht. Ein Röntgenbild wird angefertigt.

Foto: https://cmsc.charite.de/Leistungen/kniechirurgie/krankheitsbilder/

Der Verdacht lautet „Knie angebrochen“. Die Vernichtung sitzt!

Ich will trotzdem nicht im Krankenhaus bleiben – am Wochenend ist da nichts Anderes als Herumliegen angesagt.

Mein Bein bekommt eine Schiene, ich eine Gehhilfe; und ich lasse mich und mein Auto nach Hause abholen.

Das Wochenende verbringe ich brav auf dem Sofa. Um am folgenden Montag im Krankenhaus von einem (anderen) Artz zu hören: „Nicht gebrochen!“

Die Bedeutung von ärztlichen Weissagungen gibt mir sehr zu denken!

Selbst, wenn ich selber nicht wirklich glaubte, dass die Diagnose die Richtig ist, macht die Information oder Vermutung und die Gedanken an die Folgen einer solchen ärztlichen Diagnose Angst.

Ich hatte zwei Tage Panik hinter mir! Und es blieb noch unklar, was jetzt wiklich mit dem Knie passiert war.

Wieder einmal endet ein Eintrag hier mit der Unsicherheit, wie es denn jetzt überhaupt weiter gehen kann…

*der Trailer zum Film ist hier anzusehen: https://www.youtube.com/watch?v=bw_Cps7MGQ4